Ein Videointerview führen

Ein Interview ist kein Gespräch, das zufällig gefilmt wird. Es ist eine Ernte von Sätzen, die der Schnitt verwenden kann — und die Aufgabe der Interviewerin ist, diese Sätze entstehen zu lassen.

Worum es geht

Die Frage, die das Publikum nie hört, ist die Falle jedes Corporate-Interviews: Eine Antwort wie "ja, seit 2019" ist ohne sie wertlos. Gute Interviewer arbeiten deshalb beim Zuhören für den Schnitt — sie hören jede Antwort als Clip, merken, wenn einem Gedanken der Anfang fehlt, und fragen anders formuliert nach, ohne dass sich das Gegenüber korrigiert fühlt. Das kostet Aufmerksamkeit. Genau deshalb sollte, wer interviewt, nicht gleichzeitig die Kamera bedienen, wenn es sich irgendwie vermeiden lässt. Teilt die Jobs auf, dann werden beide gut gemacht.

Die Reihenfolge zählt mehr als die Werkzeuge. Wer einen Schritt überspringt, merkt das meist erst zwei Schritte später — und dann kostet die Korrektur ein Vielfaches.

Was hier anders läuft

Die Punkte, an denen sich das von anderen Fällen unterscheidet:

  • Bereite Themen mit einem Ziel pro Thema vor, keine ausformulierten Fragen — abgelesene Fragen töten Blickkontakt und erzeugen abgelesene Antworten
  • Die ersten zehn Minuten sind ein Warm-up, das du zu verwerfen planst; sag das niemandem und dreh sie trotzdem mit
  • Eine Antwort, die mit "ja" oder "genau" beginnt, kann keinen Film eröffnen — frag nach, bis der Gedanke sein eigenes Subjekt trägt
  • Stille nach einer Antwort ist ein Werkzeug: Die meisten Menschen füllen sie mit dem Satz, den du eigentlich wolltest

Schritt für Schritt

In dieser Reihenfolge geht es am schnellsten:

  1. Recherchiere die Person und schreib einen Themenfahrplan mit dem einen Zitat, das du dir pro Thema erhoffst. Kenn die Antworten grob; das Interview bestätigt und schärft, es forscht nicht bei null.
  2. Baue den Raum fertig, bevor der Gast kommt: Platz, Licht, Ton mit einer Stellvertreterin geprüft. Wer zwanzig Minuten beim Technikschrauben zusieht, kommt nervös in sein eigenes Interview.
  3. Briefe den Gast in zwei Minuten: in ganzen Sätzen antworten, die die Frage enthalten; eine Antwort neu anzusetzen ist normal und kostet nichts; zu dir schauen, nicht in die Linse — außer das Format will es anders.
  4. Eröffne mit leichten, konkreten Aufwärmfragen außerhalb des Fahrplans: was heute Morgen los war, wie lange er schon dabei ist. Kamera läuft ab dem ersten Wort — Warm-ups werden manchmal der Film.
  5. Arbeite den Fahrplan durch Zuhören ab, nicht durch Ablesen. Folge der interessanten Seitwärts-Antwort, kehr dann zurück. Lass Stille stehen, wenn eine Antwort zu früh endete — die besten Sätze kommen unaufgefordert.
  6. Kommt eine starke Antwort tief in einer langen vergraben, bitte um die kurze Fassung: Menschen verdichten ihre Gedanken besser als jeder Schnitt, und der zweite Anlauf klingt lebendiger.
  7. Prüfe vor dem Abbau den Fahrplan gegen deine Notizen auf fehlende Soundbites, nimm Raumton auf und dreh einen Moment, in dem der Gast nur zuhört — der Schnitt braucht ihn zum Atmen.

Typische Stolperstellen

Was in der Praxis am häufigsten schiefgeht:

  • Fragen vom Zettel ablesen und den Blickkontakt verlieren, der Antworten menschlich macht
  • Antworten durchwinken, die sich auf die ungehörte Frage stützen — "ja, genau, seitdem"
  • Pünktlich fertig sein, alle Themen abgehakt — und das eine erinnerbare Zitat fehlt

Mit TillyGen

In TillyGen liegen die Interview-Slots im selben Drehplan wie alles andere: Jeder Gast bekommt ein realistisches Zeitfenster mit Namen in der Dispo — und verschiebt sich ein Slot, kommt die Änderung markiert bei allen an, nicht über Flurfunk.

Ändert sich eine Randbedingung, wandern die Folgen durch den ganzen Plan: betroffene Einstellungen werden markiert, die Disposition wird neu erzeugt, und niemand arbeitet weiter mit einer Fassung von gestern.

Häufige Fragen

Wie bekomme ich Antworten in ganzen Sätzen?

Vor der ersten Frage briefen, einmal vormachen ("statt ja sagst du: Wir haben in Hamburg angefangen, weil…") und die ersten zwei Verstöße freundlich neu ansetzen. Danach trägt es sich selbst.

Wie viel Zeit plane ich pro Interview ein?

Mehr, als die Antworten brauchen — denn Warm-up und Wiederholungen sind die Quelle des guten Materials. Ein Slot, in den nur die Fragen passen, erzeugt Gäste, die wie eine Pressemitteilung reden.

Blick zur Interviewerin oder direkt in die Kamera?

Leicht neben der Linse wirkt dokumentarisch und ist für nervöse Gäste leichter. Direkt in die Kamera spricht das Publikum unmittelbar an, braucht aber Coaching oder ein Prompter-Setup, um natürlich zu bleiben.

Wie lange dauert die Einarbeitung in TillyGen?

Ein erstes Projekt lässt sich in unter einer Stunde anlegen. Es gibt keine Einrichtungsphase, in der erst Vorlagen und Felder konfiguriert werden müssen, bevor das Werkzeug etwas ausgibt.

Lassen sich die Ergebnisse exportieren?

Ja — als PDF für die Crew, als CSV für nachgelagerte Systeme und über die API für alles Automatisierte. Der Plan bleibt dabei die Quelle; die Exporte sind Ansichten davon.